Kritik zum Buch „Wir haben die Wahl – Ein Plan zur Lösung der Klimakrise“ von Al Gore.

Lösungen gegen den Klimawandel sind bei Al Gore immer rein technischer Natur. Die sozialen Rahmenbedingungen zu ändern ist nicht angedacht (zumindestens bis Seite 124). So outet er sich zum Beispiel als jahrzehntelanger Befürworter der Biokraftstoffe. Nun hat er zwar eingesehen, dass Palmölplantagen für  Regenwaldzerstörung verantwortlich sind und Mais als Biokraftstoff für die Verteuerung der Nahrungspreise. Nun setzt er seine Hoffnungen aber auf die zweite Generation von Biokraftstoffe: Ruthenhirse, Chinaschilf oder schnellwachsende Baumplantagen. Diese haben zwar in der Theorie einige Vorteile: Mehr Ertrag, sie können scheinbar die Böden verbessern und so auf Brachflächen angebaut werden.  Dort wo sie aber für einen kapitalistischen Weltmarkt eingesetzt werden, wird es diese kleinbäuerliche Idylle aber halt nur in der Theorie geben. Rießige Flächen voller Monokultur werden eher die Realität auch dieser 2. Generation sein. Auch für diese Pflanzen werden chemische Düngermittel (also basierend auf Erdöl) eingesetzt, und so die Gesamt-Öko-Bilanz nicht wirklich positiv sein, im Vergleich zu fossilen Energieträgern. Hinzu kommt, dass auch diese Pflanzen mit Nahrungsanbau und Wäldern um Flächen konkurieren werden. Durch, Landnutzungsänderungen (Regenwaldvernichtung) wird viel zusätzliches CO2 freigesetzt werden.

Nun kommt es aber noch krasser: Für die Umwandlung dieser Biomasse in Energie will er genetisch veränderte Enzyme und Mikroben einsetzten und träumt davon, dass mensch die Pflanzen so genmanipulieren könnte, dass sie einen höheren Ertrag erzielen:

„Biomasseproduzenten waren begeistert von der Aussicht auf höhere Erträge durch die genetische Manipulation der verschiedenen Pflanzen, die sie als Rohmaterial einsetzten. Diese Anwendung von Gentechnik stößt allerdings auch auf heftige Kritik…Diese neuen Technologien stoßen vor allem in Europa auf starken Widerstand, denn man fürchtet, dass die Auswahl von genetischen Merkmalen durch Wissenschaftler, die im Dienste der Industrie stehen, zu genetischen Veränderungen mit unwägbaren Risiken für den Menschen und für Ökosysteme führen könnte… Trotzdem hat sich unsere Kultur im Grunde dafür entschieden, die Gentechnik weiter voranzutreiben. Heute werden in den meisten Regionen der Welt genetisch veränderte Feldfrüchte…angebaut. 2008 etwa wuchsen weltweit auf acht Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen Genpflanzen. Und die meisten Wissenschaftler sind heute überzeugt, dass die Risiken der genetischen Manipulation von Pflanzen extrem klein, der wirtschaftliche Nutzen dagegen immens ist. Allerdings gibt es in der Tat Fälle, in denen genetische Veränderungen unerwünschte Nebeneffekte verursacht haben. Da bestimmten genetischen Risiken nach wie vor „eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit bei hohem Schadenausmaß“zugesprochen wird, müssen staatliche Aufsichts- und Prüfinstanzen in dieser Risikokategorie eingerichtet werden.“

„Trotzdem hat sich unsere Kultur dafür entschieden…“ Da hat ein Al Gore wohl sein Oberstüblein auch auf Ethanolbefeuerung umgerüstet. Von welcher Kultur er hier redet ist zwar unklar, in der hießigen haben sich aber 80% der Kultur dafür entschieden gegen diese Technologie zu sein, und von diesen 80% haben sich – leider vielzuwenige – aber immerhin einige – dafür entschieden aktiv dagegen vorzugehen.  „Und die meisten Wissenschaftler sind heute überzeugt, dass…“ Tja, so läuft das halt, erst stellen die forschenden Genkonzernen 99% der Gentechnik-Wissenschaftler an, und auf einmal sehen sie die Nutzen anstatt die Risiken.

„…müssen staatliche Aufsichts- und Prüfinstanzen in dieser Risikokategorie eingerichtet werden.“ 3 Jahre habe Al Gore für dieses Buch recherchiert, schreibt er im Vorwort. Schade dass er dabei nicht zufällig auf diesen Link getroffen ist, oder seine Augen aufgemacht und seinen Kopf eingeschaltet hat. Ansonsten wäre ihm aufgefallen, dass Behörden eines Staates, der die Gentechnologie durchsetzten will, nicht das beste Mittel sind um die Risiken der Gentechnologie zu begrenzen. Besser sind da nämlich direkte Aktionen. Ach ja, eins noch: Von wegen Gentechnik habe so gut wie keine Risiken:projektwerkstatt.de. Wobei ökologische Risiken das eine sind. Die Verfestigung von Herrschaftsstrukturen sind das ander.

Al Gore versucht hier den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Wo herrschaftsförmig entwickelte Technologie ein ernstes Problem verursacht hat, setzt er auf extrem herrschaftsförmig entwickelte Technologie für die Lösung, ohne zu erkennen, dass die Lösung eine soziale sein muss. Und zwar der Umstieg auf Technologien die von unten und für unten entwickelt wird. Also an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, und nicht für die Kapitalakkumulation. Denn eine Technologie, an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, ist auch daran orientiert, die Lebensgrundlagen dieser zu erhalten.