Bisher habe ich auf diesem Blog nicht über den Widerstand gegen Stuttgart 21 berichtet, weil der Widerstand recht bürgerlich ist, und die Argumentationslinien der GegnerInnen weder viel mit Klimaschutz noch mit „von unten“ zu tun haben. Nun, wo der Widerstand, mit dem Anfang der Arbeiten massiver wird, will ich zum einen eine Einordnung versuchen, und zum anderen überlegen, welche Klimaauswirkungen das Bauprojekt dennoch hat.

Mit Stuttgart 21 soll der überirdische Kopfbahnhof zu einem unterirdischen Durchgangsbahnhof umgebaut werden. Das wäre über Jahre hinweg Europas größte Baustelle. Der denkmalgeschütze Bahnhof müsste abgerissen werden (und wird es bereits) und der Schlosspark zerstört werden.  Durch das roden der Bäume wird Kohlenstoff freigesetzt, und auch das bauen mit viel Beton ist nie eine klimafreundliche Angelegenheit.

Zudem ist die Frage, ob die Milliarden, die in dieses Projekt gesteckt werden, nicht der Regionalverkehr ausgebaut werden könnte, oder die Ticketpreise gesenkt werden könnte, beides würde wohl den Verkehr von der straße auf die Schiene verlagern und somit Emmisionen einsparen. Aber das ist ja noch nie das Ziel der Bahn gewesen. Die Milliardeverschwendung ist auch eines der Hauptargumente der GegnerInnen von Stuttgart 21 – wo ich mir denke: Ob der Staat oder das Land das Geld nun in Panzer und Kriege, in Überwachungstechnologie und neue Polizeiknüppel steckt, oder in hässliche neue Bahnhöfe? Hm, am besten es gäbe halt keinen den Menschen übergeordneten Staat, der qua seiner immanenten Logik so ’ne Scheiße macht.

Weitere Argumente ist die lange Baustelle, ein durchaus verständliches Argument für AnwohnerInnen, oder sonstwie betroffene – nur eben auch nicht revolutionär – die Zerstörung des alten Bahnhofes, und die fehlende Bürgerbeteiligung – wo Menschen mit einem Ansatz „von unten“ eben Selbstbestimmung fordern müssten.

Trotz der bürgerlichen Ausrichtung ist der Widerstand recht entschlossen. So haben mehrere hundert Menschen unterschrieben, sich im Falle einer Rodung des Schlossparkes an die Bäume zu ketten. Oder als letzte Woche der Abriss des alten Bahnhofes heimlich begonnen werden sollte, weil gerade eh Bullen in der Stadt waren, wegen dem Bundeswehr-Gelöbnis, wurden kurzfristig mehrere tausend GegnerInnen mobilisiert, die die komplette Innenstadt mit Blockaden dicht machten.  Die TeilnehmerInnen an Demonstrationen steigen kontinuierlich – auf der letzten, dieses Wochenende nahmen 20 000 GegnerInnen teil.

Vom Umfang her, hat diese Bewegung also das Potential, dem Bauvorhaben, und seinen AkteurInnen  langfristig Probleme zu bereiten, und so die Politik in eine Legitimationskrise zu stürzen. Dadurch ist es sicherlich auch noch möglich, dass das Projekt in letzter Sekunde abgeblasen wird, um eben das zu verhindern.

Die Frage die sich hier stellt, ist aber auch, welches Potential hat dieser Widerstand/Protest für eine emanzipatorische Bewegung? Ist es ganz abgesehen von allen Inhalten schon ein Erfolg, wenn seit langem mal wieder ein Projekt welches von Land und Konzernen unbedingt durchgesetzt werden soll, verhindert werden könnte? Ist es dadurch möglich, dass Menschen eigene Handlungsmöglichkeiten erkennen? Wird alleine die Erfahrung, bei allen Argumenten nicht gehört zu werden, und bei direkterem Widerstand die direkte Repression zu spüren bekommen, dazu führen dass Menschen das Vertrauen in den staat und die Demokratie verlieren, also das Spiel durchschauen, sowie das z.B. auch an der Startbahn West oder in Wackersdorf der Fall war? Gibt es Gruppen, die mit radikaleren Inhalten, in den Widerstand rein gehen? Wird das Wissen über Aktionsmethoden dazu führen, dass Menschen sich auch in anderen BEreichen weniger gefallen lassen und öfters mal – beispielsweiße – die Straße dicht machen?

All das wird sich in den nächsten Wochen zeigen, und auch wie kontinuierlich die Massen, die aktuell mobilisierbar sind sich in den Widerstand einbringen werden.