In der Süddeutschen Zeitung erschien heute der Artikel „die Vermessung des Wohlstandes“. Der Artikel handelt im Prinzip von einem alten Schuh. Der Kritik am Wachstumszwang. Sprich: einer Verkürzung der Problematik der endlosen Ressourcenausbeutung, auf den Zwang zum Wachstum. Eine Verkürzung ist das deshalb, weil in der Suggestion das Wachstum sei schuld, der Status Quo (also das Wie und Warum) des bestehenden Wirtschaftens als Normalität und „ok“ dargestellt wird. Was 1968 bereits der raktionäre „Club of Rome“ tat (der sich heute damit hervortut die Atomkraft als die Lösung gegen den Klimawandel zu preisen), mit der Veröffentlichung „die Grenzen des Wachstums“, und seit einiger Zeit die aus Frankreich stammende Bewegung „Decroissance“ (die sicherlich Pluralistisch ist, und auch spannende Ansätze hat) brüht die SZ nun neu auf indem sie irgendwelche Wissenschaftler findet (Sen und Stigliz) die mit der Kritik am Meßwerkzeug des BIP (Bundesinlandprodukt)ihre Hörsäle füllen. So gesehen ist das Wideraufgebrühte doppelt verkürzt, weil die Kritik nur am Meßwerkzeug des Wachstums ansetzt.  Die folgende Kritik ist zwar vollkommen richtig:

Zerstören Stürme einen ganzen Landstrich, so wie 2005 in New Orleans, erhöhen die Wiederaufbauarbeiten das BIP um Milliarden Dollar. Der gemessene Wohlstand steigt, ohne dass Verluste berücksichtigt würden. Brennt eine Bohrinsel und fließt Öl aus, werden die Reinigungsarbeiten positiv im BIP gezählt, die Umweltfolgen dagegen ignoriert. Stehen Autofahrer im Stau, verdienen Tankstellen und das BIP steigt.

Das BIP ist dabei aber nur Meßmittel und nicht Ursache eines Anreizes. Die Tankstellen, die am Stau verdienen, das Bauunternehmen welches am Bau eines Bahnhofes verdient, den niemand will, welcher also das Wohlbefinden schmählert, handeln nicht um das BIP zu erhöhen, sondern die eigenen Profite. Dass die am Ende Volkswirtschaftlich gemessen werden, ist nicht die Ursache an einem Wirtschaften, welches nicht an einer Steigerung der Lebensqualität von Menschen ausgerichtet ist, sondern es zum Alltag macht, an der Zerstörung von Lebensqualität und Wohlstand zu verdienen. Die Ursache davon liegt ganz einfach in den immanenten Anreizen der kapitalistischen Logik begründet.

Wenn nun Sen  „in Indien geboren, Professor für Ökonomie und Philosophie an der Harvard Universität und Ehrendoktor an mehr als 80 Universitäten weltweit,… als einer der großen Vordenker seiner Zunft“ gilt, stellt sich die Frage was (und mit welcher Motivation) er vordenkt, wenn er die offensichtlichen Ursachen der Umstände die er kritisiert, nicht auf den Grund geht. Es wird gewarnt: „Wachstum könne nicht nachhaltig sein, wenn es auf übermäßigem Ressourcenverbrauch basiert,  ‚Kein guter Buchhalter ignoriert die Wertminderung von Firmenkapital. Doch das Standard-BIP tut genau das und lässt zudem Ressourcenabbau und Umweltverschmutzung außer Acht.‘ Die Klimadebatte und unser steigendes Bewusstsein mache dieses Manko äußerst besorgniserregend'“

Worum es geht wird also schnell klar: Das BIP soll „verbessert“ werden („Auch die Europäische Union will die Wohlstandsmessung vorerst nicht revolutionieren, sondern weiterentwickeln“).  Und eigentlich war das von Anfang an klar. Denn aus einer bürgerlichen Betrachtungsweiße wird ein Instrument wie das BIP natürlich nicht einfach mal zum Spaß kritisiert, weil es einem nun nach all der Zeit endlich mal aufgefallen wäre, was für ein Schwachsinn das doch ist. Nein, es wird in dem Moment kritisiert, in dem eine „Verbesserung“ ansteht. Eine Verbesserung selbstverständlich, für den nationalen Standort, und dessen Nutzer_innen. Um dafür die Werbetrommel zu rühren, werden dann ein paar ökologische Argumente aus dem Sack geholt. Während also die Wachstumsbedingungen geölt werden, soll glauben gemacht werden, dass es mit der Wachstumsideologie nun ein Ende hätte und längst ein Umdenken stattgefunden hätte.

Der Vorschlag der Statistiker berücksichtigt neben dem Einkommen auch Messgrößen wie Ressourceneffizienz und Umweltbelastung zum Beispiel durch Emissionen, den Zugang der Bürger zu medizinischer Versorgung oder ihr Vertrauen in die Politik.

Es geht also darum, Indikatoren zur politischen Stabilität eines Standortes in den BIP mit einfließen zu lassen. zufällig ist direkt unter diesem Arikel ein Interview mit Kerstin Andreae, Bundestagsabgeordnete der Grünen, mit der Überschrift „Umwelt braucht einen Preis“, indem es eben darum geht, dass eine Arbeitsgruppe aus dem Bundestag, sich Gedanken darüber macht wie das BIP geändert werden kann. Dort schlägt sie ebenfalla stärkere staatliche Regularien vor, für den Verbrauch von Umweltressourcen. Nach dem Motto: Wer für die Umweltzerstörung zahlen kann, handelt legitim. Nur wer nicht dafür zahlen kann, hat Pech. Dann ist es nämlich ein Gesetzesverstoß. Ein Artikel dazu: Wer nimmt das Preisschild wieder runter vom Hurrikan?

Und nun noch ein Geheimnis: Es ist überhaupt nicht nötig ein „Vordenker seiner Zunft“ zu sein um das offensichtliche zu erkennen. Es benötigt nicht eine Reform des Meßmittels eines absurden Wirtschaftssystem, sondern dessen Überwindung!